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Geben und nehmen

Die junge Frau trägt mehrere Tattoos. Am Knöchel, auf dem Schulterblatt, längs an beiden Handgelenken. Mit Sorgfalt hat sie die Tattoos ausgewählt. Schließlich werden sie ein lebenslanger Begleiter sein. Oder zumindest für längere Zeit.

© pixabay

Die Tattoos an den Handgelenken sind mir sofort aufgefallen. Ein Schriftzug, geschwungen, ohne verspielt zu sein. Nur zwei Worte. „Nehmen“ steht auf dem linken Handgelenk. „Geben“ auf dem rechten. Nehmen und Geben, Geben und Nehmen. Eine kleine Erinnerung. Auf einer Hand ist nur begrenzt etwas Platz. Wer immer nur nimmt, dem fällt mindestens die Hälfte auf den Boden. Wer immer nur gibt, steht schnell mit leeren Händen da.

Die junge Frau muss sich immer wieder einmal daran erinnern, auch zu nehmen. Schnell ist sie dabei, mit anderen zu teilen. Sie ist großzügig, bereit, auch das letzte Hemd zu geben. Und erlebt dabei, dass Menschen sie ausnutzen. Hemmungslos. Der Freund, der auf ihre Kosten lebt. Immer nur ein bisschen herumjobt. Im Wissen, dass sie ihn – wenn es sein muss - schon aushält. Hier stillschweigend die Zeche übernimmt und dort etwas begleicht. Den Urlaub überhaupt bezahlt. Auch andere nutzen sie aus. Finanziell, emotional.

Mehr als einmal habe ich sie weinend erlebt. Völlig verausgabt. Und fühlte mich zurückversetzt in die ersten Jahre meines Berufslebens. Bis zu diesem Zeitpunkt stimmte für mich die Balance zwischen Nehmen und Geben, Geben und Nehmen. Selbstverständlich bin ich nach Festen so lange geblieben, bis alles wieder aufgeräumt war. Selbstverständlich habe ich bei Umzügen geholfen. Für andere mit eingekauft, mitgekocht. Aber genau selbstverständlich hat sich immer jemand gefunden, der mir sein Auto geliehen, mich zum Essen eingeladen hat. Eine ältere Freundin hat mich finanziell unterstützt. Monat für Monat.

Nun, als junge Pfarrerin, ist alles anders. Dieses soll ich machen und jenes. Hier wird etwas von mir erwartet und dort auch. Das ganze Gemeindeprogramm mit einer halben Stelle. Die Gemeinde ist wie ein Moloch, unersättlich, fordernd und wenig bereit, selbst zu geben. Ausgenutzt komme ich mir vor, ausgelaugt. So geht das nicht, denke ich, und wende mich ratsuchend an jemand mit viel Erfahrung.

Als wir so miteinander reden, höre ich mich sagen: „Ich nehme lieber als ich gebe“. In dem Moment ist es wohl auch so. Ich habe das Gefühl, nicht mehr viel geben zu können. Zum Glück ist mein Gegenüber klug genug, mir diese Meinung zu lassen. Sie schwingt nicht die moralische Keule. Sie zwingt mich nicht, wohl wissend: Erzwungen etwas geben zu müssen ist einfach grauenhaft.

In der Zwischenzeit weiß ich längst: Nehmen ist für mich seliger als Geben – dieser steile Satz hat auch nur eine Halbwertszeit. Vielmehr ist in mir das Wissen gereift: Wenn ich etwas gebe, kommt auch etwas nach. Wo ich freundlich bin, erlebe ich auch, dass andere freundlich sind. Wo ich großzügig bin mit meiner Zeit, meinem Geld anderen gegenüber, merke ich: Es schlägt auf mich zurück. Natürlich gibt es die, die das ausnutzen. Aber längst habe ich gelernt zu sagen: Stopp! Das mache ich für dich. Und das andere musst du schon selbst machen.

Im Grunde ist mir die Weisheit eines Satzes aufgegangen, den Jesus seinen Jüngern mitgegeben hat: „Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zumessen.“(Lk 6,38)

Dieses Bild gefällt mir sehr: Wo ich gebe, bekomme ich. Und zwar mehr, als ich geben kann. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes, überfließendes Maß gibt mir Gott, der Geber allen Lebens und aller Gaben. Da gebe auch ich. Gern und mit leichter Hand.

Andrea Wagner-Pinggéra