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Stark werden, Grenzen zeigen, gemeinsam wachsen, oder: Wer hat die Bretter zertreten?

Mit viel Mut, Neugier und Energie starteten Frauen aus den Wohnstätten Gottesschutz in Erkner im April in einen besonderen Workshop: Selbstverteidigung mit WENDO. Nach 4 Workshoptagen ging der Kurs zu Ende. Geblieben sind neue Erfahrungen, viele starke Momente und sichtbar gewachsenes Selbstvertrauen. Auf dem Abschlussfoto halten die Teilnehmerinnen stolz die Bretter in die Kamera, die sie im Training selbst zertreten haben. Ein schönes Bild. Und eines mit Symbolkraft. Menschen zerschlagen schließlich nicht jeden Tag Holzplatten, nur weil sie beschlossen haben, sich nicht mehr klein machen zu lassen.

WENDO ist eine besondere Form der Selbstbehauptung und Selbstverteidigung für Frauen und Mädchen. Entwickelt wurde das Konzept ursprünglich in Kanada. Im Mittelpunkt stehen einfache, wirksame Techniken, aber auch die Frage: Wie kann ich meine eigenen Grenzen wahrnehmen und deutlich zeigen? Wie kann ich mich in unangenehmen oder bedrohlichen Situationen behaupten? Dabei geht es nicht nur um körperliche Abwehr. Auch Stimme, Haltung, Wahrnehmung und das Vertrauen in die eigene Stärke spielen eine große Rolle.

Die Themen sind hochaktuell. Viele Frauen erleben Grenzüberschreitungen im Alltag: abwertende Bemerkungen, unerwünschte Berührungen oder Situationen, in denen sie sich unsicher fühlen.

Der Workshop in Erkner fand bewusst in einer kleinen und vertrauten Runde statt. Nur die Teilnehmerinnen und die beiden Trainerinnen waren anwesend. So konnten auch persönliche Erfahrungen, Ängste und schwierige Situationen zur Sprache kommen. Niemand musste etwas erzählen. Aber viele Frauen nutzten die Möglichkeit, sich gegenseitig zuzuhören, sich zu unterstützen und voneinander zu lernen.

Besonders eindrucksvoll war zu beobachten, wie sich die Gruppe im Verlauf des Workshops entwickelte. Anfangs brauchte es bei manchen noch etwas Überwindung, laut und deutlich „Stopp!“ zu sagen oder sich kraftvoll hinzustellen. Doch mit jeder Übung wuchs das Vertrauen in die eigene Stimme und den eigenen Körper. Es wurde gelacht, ausprobiert, diskutiert und trainiert. Die Teilnehmerinnen stärkten nicht nur sich selbst, sondern auch einander.

Geleitet wurde der Workshop von den erfahrenen WENDO-Trainerinnen Rike Schulz und Birgit Halberstadt. Beide beschäftigen sich seit vielen Jahren mit Selbstbehauptung und Gewaltprävention. Gemeinsam haben sie die Methoden und Techniken immer weiterentwickelt, besonders auch für Frauen mit Behinderung. Dafür sammelten sie viel praktische Erfahrungen. Zum Beispiel setzten sich selbst mehrere Tage in einen Rollstuhl. So konnten sie ausprobieren, welche Verteidigungstechniken aus der körperlich eingeschränkten Position heraus möglich waren oder wie man sie anpassen könnte.

Ihr Ziel ist es, Frauen zu stärken und ihnen Wege zu zeigen, die eigenen Bedürfnisse und Grenzen kennenzulernern und ernst zu nehmen.

Nach Abschluss des Workshops gaben die Trainerinnen außerdem eine Rückmeldung an die Einrichtungsleitungen. Darin beschrieben sie anonymisiert, wie sie die Teilnehmerinnen erlebt haben und welche Themen oder Problematiken im Kurs sichtbar wurden. So kann das Erlebte nicht nur im Workshop bleiben, sondern auch im Alltag weiterwirken.

Am Ende nahmen die Frauen weit mehr mit nach Hause als nur einzelne Techniken. Sie nahmen die Erfahrung mit, laut sein zu dürfen. Klar sein zu dürfen. Grenzen setzen zu dürfen. Und manchmal beginnt genau dort etwas Neues: mit einem einzigen kraftvollen „Stopp!“.

Jan Baake