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Menschlich, gastlich, neu aufgestellt - das Hotel „Grenzfall“ mitten in der Veränderung

Hotelleiter Stefan Marczinkowski übernahm die Hotelleitung vor gut einem Jahr. Er verfügt über jahrzehntelange Erfahrungen in der Hotelerie.

Man kann ihn schon wie ein Stück des Paradieses auf Erden empfinden, den schattigen Garten des Hotels „Grenzfall“ auf dem Lazarus-Gelände, gerade in der Hitze des Sommers 2026. Es ist ein Ruhepunkt inmitten des Trubels der Großstadt Berlin. Unterm Kirschbaum treffen wir Hoteldirektor Stefan Marczinkowski. Marczinkowski übernahm das traditionsreiche Haus im Mai 2025. Der gebürtige Westfale lernte Konditor, studierte Pädagogik und verfügt über jahrzehntelange Erfahrungen in der Hotelerie, vom Intercity Wuppertal bis zum Steigenberger in Frankfurt/Main, in namhaften Häusern in ganz Deutschland.

„Eine Ausschreibung, wie für mich gemacht …“

Herr Gebauer ist seit einem Jahr Empfangschef und bringt über 20 Jahre Gastronomie- und 10 Jahre Hotelerie-Erfahrung mit.

Bis Mitte 2025wurden fünf neue Zimmer in der vierten Etage des Gästehauses - dem zweiten zum Komplex gehörenden Gebäude, neben dem eigentlichen Hotel - fertiggestellt. Modern, einige mit Kitchenette für länger verweilende Gäste. Neue, ergonomisch besser Stühle wurden angeschafft. Die Kapazität aktuell: 69 Zimmer, 37 im Hotel, 32 im Gästehaus. Neue Kollegen kamen ab Anfang 2026 hinzu: Herr Gebauer als Empfangschef und Herr Olympio als Eventchef.

Herr Gebauer verfügt über 20 Jahre Gastronomie- und zehn Jahre Hotelerie-Erfahrung. Als er die Stellenausschreibung für den neuen Empfangschef des “Grenzfall” las, war ihm sofort klar: Die ist wie für mich gemacht.” Er verstand, dass auf diesem Posten Erfahrung und Fachwissen ebenso gefragt sind wie die Bereitschaft, anzupacken, etwas bewegen zu wollen. “Das klang nach Handarbeit im besten Sinne des Wortes, nach spannenden Herausforderungen, und da bin ich bisher auch nicht enttäuscht worden”, fasst er sein erstes Halbjahr im Hotel auf dem Lazarus-Gelände zusammen.

Schnell heimisch am neuen Ort

Mittlerweile ist Herr Gebauer vom Westen Deutschlands mit der Familie nach Rüdnitz ins Brandenburgische gezogen nach Rüdnitz. „Da habe ich mir natürlich das Jahresfest 2026 in Lobetal am 21. Juni angesehen, als Nachbar selbstverständlich erst nach dem Sturzregen“, schmunzelt er. Und erinnert sich an seine Überraschung angesichts der Breite dessen, was unterm Lobetaler Dach existiert. „Das hatte ich vor meiner Bewerbung zwar alles schon mal gelesen, aber es zu erleben war noch einmal viel beeindruckender.“

Herr Olympio arbeitete als Veranstaltungsleiter bevor er in das Grenzfall kam. Unter anderem in Hotelketten wie dem Radisson.

Herr Olympio wurde in Togo geboren, kam als 13jähriger nach Deutschland, arbeitete als Zivildienstleistender in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung in Remscheid. Er ist gelernter Elektrotechniker und studierter Veranstaltungskaufmann. Mehrere Jahre arbeitete er als Veranstaltungsleiter in renommierten Hotelketten wie dem Radisson, vor acht Jahren zog er von Nordrhein-Westfalen nach Berlin und lebt jetzt mit seiner Familie im Prenzlauer Berg. Mitte des Vorjahres nahm er nach der Geburt seines ersten Kindes eine Auszeit, und als er sich um den Jahreswechsel neu beruflich orientieren wollte, wurde das „Grenzfall“ schnell seine erste Wahl. „Es ging um große Herausforderungen bei der Entwicklung des Hauses, um Verantwortung und starken persönlichen Einsatz – das ist etwas für mich“, schätzt der neue „Grenzfall“-Veranstaltungsleiter ein. Und weiß um Probleme im Detail, wenn beispielsweise in einem der drei Säle Geburtstag, Hochzeit oder ein Firmenevent gefeiert werden will und das Ruhebedürfnis der anderen Gäste beachtet werden muss.

Das Besondere fühlt sich normal an

Das Hotel Grenzfall in Berlin-MItte: ein moderner und gastlicher Ort für Berlin-Reisende und zugleich Lebens- und Arbeitsmittelpunkt für Menschen mit Beeinträchtigungen.

Schnell spürt man im Gespräch mit Marczinkowski, Gebauer und Olympio: Hier arbeiten seit wenigen Monaten Fachleute zusammen, die sich einig sind, Tradition an diesem Ort fortzusetzen und gleichzeitig Modernität und Professionalität in den Vordergrund zu stellen. Abgeflachte Leitungsstrukturen, eine zeitgemäßere Kategorisierung der Zimmer, gute wirtschaftliche Ergebnisse, das sind einige der Hauptaufgaben, an denen das Trio intensiv arbeitet. Die Zertifizierung für ökologische Nachhaltigkeit – „GreenSign Stufe 4“ – steht dabei nicht zur Debatte.  Oberste Handlungsmaxime dabei: Das Hotel „Grenzfall“ ist und bleibt nicht nur ein moderner und gastlicher Ort für Berlin-Reisende aus nah und fern, sondern zugleich Lebens- und Arbeitsmittelpunkt für Menschen mit Beeinträchtigungen.

Im Leitbild des Hotels ist zu lesen: „Das Hotel Grenzfall ist ein Ort der Begegnung und des Miteinanders. Wir heißen alle Menschen willkommen, unabhängig von ihrer Herkunft, ihrem Geschlecht, ihrem Alter, ihrer Religion oder ihrer Behinderung. (…) Wir sind ein soziales Unternehmen, das sich für Chancengleichheit und Inklusion einsetzt. Wir bieten Menschen mit und ohne Behinderungen einen gleichberechtigten und selbstbestimmten Arbeitsplatz auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt und fördern so die Teilhabe am Arbeitsleben. Für uns ist dies ein wichtiger Aspekt für die nachhaltige Entwicklung unseres gesamten Unternehmens.“

Anders als in den Werkstätten

Für Frau Mickeleit ist „Teilhabe am Arbeitsleben“ seit mehreren Jahren im Hotel Grenzfall Realität.

Für Frau Mickeleit ist „Teilhabe am Arbeitsleben“ seit mehreren Jahren im Hotel „Grenzfall“ Realität. Die stark hörgeschädigte Frau hat sich zu einer erstklassigen Fachfrau im „Housekeeping“ entwickelt. Seit einem Jahr sorgt sie nicht nur für Ordnung und Sauberkeit in den Zimmern. Sie wurde vor einem Jahr zur „2. Hausdame“ befördert und ist damit stellvertretende Leiterin der Zimmerreinigung. Sie organisiert hotelweit die Abläufe mit, schreibt Schichtpläne und setzt sie um.

„Das ist das Besondere in unserem Haus: Wer hier arbeitet, ob mit oder ohne Behinderung, der arbeitet 100prozentig professionell, was die Schichtlänge, aber auch die Arbeitsinhalte angeht.“ Der Unterschied zu einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung: „Hier kann nicht, wie in einer Werkstatt, der Arbeitsplatz den Möglichkeiten des Menschen angepasst werden, hier muss sich jeder arbeitende Mensch den täglichen Aufgaben anpassen“, unterstreicht Marczinkowski. Und verweist auf die Chancen: „Wer hier ausgebildet ist und sich im Arbeitsalltag bewährt, der kann auch woanders auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt eine Stelle finden.“

Rund zwei Drittel der hier Beschäftigten haben körperliche oder geistige Einschränkungen. „Das verlangt von uns viel Geduld, aber auch Nachdrücklichkeit und Einfallsreichtum“, weiß der neue Empfangschef, Aufgaben müssen in einfache Sprache und nachvollziehbare Logiken übersetzt werden.“ Gebauer ergänzt: „Unsere Erfahrungen ergänzen sich hervorragend, so dass wir je nach Herausforderung die passende Lösung finden.“

 Erkenntnis und Dankbarkeit

Von den Herausforderungen bekommen die Hotelgäste wenig mit. Das macht die Professionalität der Dienstleistungen für den Gast aus. Die jener durchaus zu schätzen weiß. Michael Güldener will deshalb noch einmal ausdrücklich sein Dankeschön beim Hoteldirektor kurz vor dem Auschecken loswerden. Der Manager hat hier vier Tage und Nächte mit einer zehnköpfigen ausländischen Delegation verbracht. „Die Lage und der Garten sind traumhaft an sich, aber ebenso hervorragend war für mich wie für alle Mitreisenden der Service“, berichtet er. „Wir haben natürlich ab und an miterlebt, wie manchem beeinträchtigten Mitarbeiter noch einmal geduldig erklärt wird, was der Gast jetzt erwarten darf. Aber dass das mit so viel Menschlichkeit und Professionalität geschieht, dass man das als Reisender heute überhaupt noch miterleben darf, das waren schon phantastische Eindrücke.“

Menschlichkeit und Wirtschaftskraft

Stefan Marczinkowski freut sich über das Lob, bedankt sich dafür bei Michael Güldener herzlich mit einem ehrlichen Lächeln und fast etwas verlegen: „Sieht ja wie bestellt aus, wenn die Reporter mit am Tisch sitzen.“ Und sagt in einem Nebensatz, dass das Hotel ganz wunderbar auf den Lazarus-Campus passt. „Wir haben hier alles, was menschliches Leben ausmacht: Kindergarten, Angebote für Jugendliche, Schulen, Wohnen- und Pflege für ältere Menschen und ein Hospiz. Mitten im Leben ist das Hotel zu Hause.“

Der Hotelprofi selbst ist Teilzeit-Berliner. Er fährt von Freitag- bis Sonntagmittag zur Familie nach Frankfurt/Main und lebt in der anderen Zeit in einem Zimmer im „Grenzfall“. Und in seinem Büro, dessen Tür immer offensteht. „Langsam haben sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter daran gewöhnt, dass der Chef auf frühmorgendlicher Runde ist.“

Er sieht das Hotel „Grenzfall“ unter dem Dach der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal als Glücksfall und als Verpflichtung. „Wir haben die Chance, einer breiten Öffentlichkeit zu zeigen, wie Inklusion und Teilhabe funktionieren. Wir sind eine Tür, durch die der Gast zu uns eintritt, und ein Fenster, in das er hineinschauen kann. Und wir können das nur, weil die Stiftung hinter uns steht.“ Das weiß er zu schätzen.

Doch jetzt muss er sich wieder um die alltäglichen Probleme kümmern. Ein Mitarbeiter ist am Telefon: „Dem Gast auf Zimmer 414 ist eine Matratze zu durchgelegen. Wir werden das sofort verändern.“  So geht Hotel Grenzfall…
 

Andreas Gerlof