Inklusives Wohnen in Berlin-Friedrichshain

Frank Seewald, Verbundleitung am Standort Haus Birkenhain in der Grünberger Straße 23, erläutert das inklusive Wohnprojekt


“Toll hier zu leben. Toll hier zu wohnen. Toll hier zu arbeiten.” Pastor Ulrich Pohl, Vorstandsvorsitzender der von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel war die Begeisterung über das Gemeinschaftshaus an der Grünberger Straße sichtlich anzumerken. Am 16. Oktober wurde es eingeweiht als Kooperationsprojekt der Gemeindepsychiatrischen Verbund und Altenhilfe gGmbH und der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal im bekannten Berliner Stadtbezirk Friedrichshain-Kreuzberg, Menschen mit und ohne Behinderung sollen selbstverständlich und nachbarschaftlich miteinander leben und arbeiten, Barrieren abbauen und Teilhabe aktiv gemeinsam gestalten – gemäß dem Credo der UN-Behindertenrechtskonvention.

Aber nicht nur deshalb wurde dies Projekt gestartet. Ausgangspunkt war, dass das Haus Birkenhain im Charlottenburger Westend den Bedarf nicht mehr decken konnte. So war man gezwungen einen anderen Standort zu finden. Die Offenheit für einen Ort mitten im Trubel Berlins zahlte sich aus. Bewohner wie Mitarbeiter sind sehr angetan. „Es kann keinen Ort in Berlin geben, der nicht für ein Eingliederungsprojekt geeignet ist.” Damit antwortet Geschäftsführer der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal Martin Wulff auf kritische Anfragen im Vorfeld, ob dieser Ort für Menschen mit Behinderung geeignet sei.

Fünf Geschosse, 3.200 m², eine Vielzahl von Wohnungen, eine Tagesfördereinrichtung, Büroräume und vor allem: Menschen mit und ohne Behinderung wohnen gleichberechtigt unter einem Dach: sozialraumorientiert und inklusiv. Und dies an einer der belebtesten Straßen Berlins, Touristenmagnet und Drehort für internationale Filme steht unweit des RAW Geländes. Und es funktioniert. Das zeigen die ersten Monate.

„Mehr Kiez geht nicht.” Uwe Lehmann, zuständig für Grundsatzangelegenheiten im Bereich Wohnen von Menschen mit Behinderung des Landes bringt dies auf den Punkt. Er unterstreicht damit, dass Menschen mit Behinderung selbstverständlich Teil der Gesellschaft sind. Eigentlich müsse man gar nicht darüber reden.

Dennoch: An diesem Ort werden neue Wege beschritten und neue Möglichkeiten eröffnet. Geschäftsführerin der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal Pastorin Winter griff dies in ihrer Andacht auf und machte Mut mit Gottvertrauen, diese neuen Wege zu gehen. Nur so öffnen sich Horizonte.

Studierende können günstig wohnen und unterstützen im Gegenzug Menschen mit Behinderung

So wurde eine Win-Win Situation ermöglicht. In dem Seitenflügel (Warschauer Str. 13) wurden vier kleine Appartements für Studierende geschaffen. Der Wohnraum ist mit einem 450-Euro Job gekoppelt. Die Studierenden unterstützen die Bewohnerinnen und Bewohner mit Behinderung in ihrem Wohnalltag. Gewinner gibt es auf beiden Seiten: Die Wohnstätten für Menschen mit Behinderung haben tatkräftige Unterstützung, die Studierenden verdienen sich einen Teil ihrer Miete und sammeln praktische Erfahrungen für ihr späteres Berufsfeld. Wichtiger Nebeneffekt in Zeiten des Fachkräftemangels: So werden Nachwuchskräfte herangezogen. Wer Soziale Arbeit, Sozialpädagogik, Rehabilitationspädagogik oder Diplompädagogik studiert, kann sich auf diese Wohnungen bewerben.

Der Spieß wird umgedreht

Und auch sonst wird der Spieß herumgedreht. Nicht Menschen mit Behinderung ziehen in Mehrfamilienhäuser ein, wo größtenteils Menschen ohne Behinderung leben. Sondern in den Wohnungen mit 38 m² bis knapp 92 m² ist für jede Lebens- und Wohnsituation alles dabei. Familien, ältere, jüngere Menschen, Alleinstehende und Paare. Der gleichberechtigten Teilhabe von Menschen mit und ohne Behinderung wird durch die bauliche und organisatorische Struktur des Hauses von vornherein unter die Arme gegriffen: Ein Haus für alle.

Die Gemeindepsychiatrische Verbund und Altenhilfe gGmbH und die Hoffnungstaler Stiftung Lobetal erwarten von dem Projekt, dass es sich nachhaltig auf das nachbarschaftliche Engagement auswirkt. Die Bewohnerinnen und Bewohner des Hauses können sich einander gegenseitig unterstützen, zum Beispiel bei Einkäufen, Behördengängen, bei der Pflege, der Kinderbetreuung, der Hausaufgabenhilfe, beim Vorlesen, der Kommunikationsassistenz und in vielen anderen Bereichen.

Individuelle Unterstützungsbedarfe können durch die Nähe und kooperative Verbindung unterschiedlicher Formen der Leistungserbringung (ambulant und stationär) möglicherweise besser im Sinne der Bewohnerinnen und Bewohner gedeckt werden. Synergien professioneller Dienstleister lassen sich durch die alltägliche Zusammenarbeit im selben Haus effektiver nutzen. Die Möglichkeit für Menschen mit Behinderung, aus einer intensiv betreuten Wohnform nach einiger Zeit vielleicht in den ambulanten Bereich zu wechseln, kann hier durch engere Kooperation der Bereiche leichter wahrgenommen werden.

Alles auf einen Blick

  • Standort: Grünberger Straße 23, 10243 Berlin
  • 3.200 m² verteilt auf fünf Geschosse
  • Erdgeschoss:
    Tagesförderstätte mit 23 Plätzen
    Büroräume
    Zwei Stationäre Einzelappartements für Menschen mit Behinderung mit einer Rund-um-die-Uhr-Betreuung, aber selbstständig lebend
  • Erstes Obergeschoss zwei stationäre Wohngruppen sieben sowie vier Bewohnerinnen und Bewohner
  • Zweites Obergeschoss zwei stationäre Wohngruppen für sieben sowie fünf Bewohnerinnen und Bewohner.
  • Drittes und viertes Obergeschoss acht Wohnungen von 38 m² bis 92 m²
  • Auf allen vier Etagen Ambulante Wohngemeinschaften für Menschen mit Behinderung mit 24 Wohneinheiten (in Planung)
  • Seitenflügel: vier Appartements für Studenten

Die Hoffnungstaler Stiftung Lobetal (gegründet 1905) im Verbund der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel verfügt über Angebote der Altenhilfe, der Eingliederungshilfe, der Ausbildung in sozialen Berufen, der Migration, der Beschäftigung von Menschen mit Behinderung, der Medizinischen Versorgung, der Suchthilfe sowie der Kinder- Jugendhilfe mit Standorten in Berlin, Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt.

Der Gemeindepsychiatrische Verbund und Altenhilfe (GPVA) unter dem einen Dach der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel setzt mit ca. 420 Plätzen die seit 2003 qualifizierte Akzente in der Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen sowie von pflegebedürftig gewordenen Menschen im Alter in Berlin. Der GPVA versorgt mit seinen Einrichtungen als Tochtergesellschaft der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel die Berliner Bezirke Charlottenburg-Wilmersdorf und Steglitz-Zehlendorf Menschen mit intensivem und komplexem Hilfebedarf:

• im klinisch-medizinischen Bereich

• im Pflegebereich

• im Bereich Eingliederungshilfe

Der Geschäftssitz des GPVA befindet sich in Berlin-Lichtenberg, Herzbergstraße 79.