Inklusion durch Funktionale Gesundheit

Für eine außenstehenden mag „Funktionale Gesundheit“ zunächst klingen wie ein Böhmisches Dorf.

Doch es ist schnell erklärt, was Thema der Arbeitstagung am 28. November im Haus Schwärzetal in Eberswald war.

 Plenum_K

Eine Person ist funktional gesund, wenn sie möglichst kompetent mit einem möglichst gesunden Körper an möglichst normalisierten Lebensbereichen teilnimmt und teilhat.“ So steht es in einer Veröffentlichung von INSOS (Soziale Institutionen für Menschen mit Behinderung) Schweiz mit dem Titel „Das Konzept der Funktionalen Gesundheit“.

Inklusionsexperte der Evangelischen Hochschule Berlin Professor Dr. Komorek führte vor den 160 Teilnehmerinnen und Teilnehmern – ein Mix aus Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und Leistungsberechtigten -  weiter aus, was damit gemeint ist und erfüllt sein muss, damit von Funktionaler Gesundheit gesprochen werden kann.

  • Erstens: Die körperlichen und mentalen Funktionen und Körperstrukturen entsprechen allgemein anerkannten Normen. 
  • Zweitens: Die Person kann alles tun, was von einem Menschen ohne Gesundheitsproblem erwartet wird.
  • Drittens: Die Person kann ihr Dasein in allen Lebensbereichen entfalten, die ihr wichtig sind. Und zwar in der Weise und in dem Umfang, wie es von einem Menschen ohne Beeinträchtigung erwartet wird.

 Um es auf den Punkt zu bringen: Es geht um ein Zusammenspiel der Dimensionen: Köperfunktion, Aktivität und Partizipation.

 Stellt dies einen Paradigmenwechsel dar in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung für die Hoffnungstaler Stiftung Lobetal?

Der Leiter des historischen Archivs der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal, Jan Cantow, ging in seinem Vortrag auf verschiedene Entwicklungsphasen Lobetals ein. „Lobetal ist bis heute so erfolgreich, weil es die Fähigkeit ausgeprägt hat, auf gesellschaftliche Umbruchsituationen und Herausforderungen mit Pardigmenwechseln zu reagieren“, so sein Statement.   

Friedrich von Bodelschwingh, der Gründer Lobetals, begegnete den sozialen Notständen seiner Zeit mit innovativen Konzepten. Auslöser war die Not der Obdachlosen in Berlin Anfang des 20. Jahrhunderts. Um dieser zu begegnen ermöglichte Bodelschwingh durch den Verein Hoffnungstal: Arbeit, Wohnen und christliche Gemeinschaft. Bodelschwinghs Motoivation war geprägt durch ein missionarisches Engagement, das das Wohl des ganzen Menschen im Blick hatte.

Es gehörte zum grundsätzlichen Ansatz des Lobetal-Gründers und Bethel-Leiters, dass jede und jeder Teil der Gemeinschaft ist. Niemand dürfe außerhalb der Gemeinschaft stehen. Grundlage dafür sei die Überzeugung, dass jeder Mensch ein Geschöpf Gottes und mit Würde ausgestattet ist. „Deshalb ist die Verschiedenheit eine Bereicherung: Mehr oder weniger gesunde, mehr oder weniger behinderte, mehr oder weniger leistungsfähige, jüngere und ältere Menschen, Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft und religiöser Prägung sollen als Bürgerinnen und Bürger mit gleichen Chancen, Rechten und Pflichten in der Gesellschaft Leben.” So ist es in der Bethel Vision “Gemeinschaft verwirklichen” formuliert. Daraus folgt ein selbstverständliches Miteinander auf Augenhöhe.

Dies ziehe sich wie ein roter Faden durch die Kultur der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal. Es konnte sich innerhalb der verschiedenen politischen und gesellschaftlichen Systeme  unterschiedlich ausprägen, wurde aber nie aufgegeben.

 “Dabei ist Partizipation ein unverzichtbarer Aspekt”, wie Andrea Braun, Mitarbeiterin der Stabsstelle der Eingliederungshilfe betonte. Es habe Einzug in die gesetzlichen Grundlagen der Eingliederungshilfe gefunden. Teilhabe am öffentlichen und gesellschaftlichen Leben sei dabei ein zentraler Aspekt. Das Gesetz zur Stärkung der Teilhabe und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen, kurz Bundesteilhabegesetz (BTHG) bringen, das am 01.01. 2017 in Kraft getreten ist, geht es im Kern darum, die Teilhabemöglichkeiten von Menschen mit Behinderung entscheidend zu verbessern.

 “Doch es ist auch ein Bestandteil der Lobetaler Kultur”, betonte Andrea Braun. Deshalb habe es auch die Arbeitsweise für dieses Projekt bestimmt, das vor zwei Jahren startete und die Tagung ein Meilenstein auf dabei ist.

 Im Oktober 2015 stellte Arvids Schaub das Forschungsprojekt mit dem Titel: „Handlungskonzept Inklusiv Wohnen durch Funktionale Gesundheit – InFunGes“ vor. Es sollte als Forschungsprojekt die Weiterentwicklung der Hilfeplanung bei der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal in den Blick nehmen. In der Forschungsfrage innerhalb des Projekts wird der Hypothese nachgegangen, „dass die bisher unzureichend berücksichtigten Faktoren

  • Personenzentrierung,
  • Funktionale Gesundheit und
  • Inklusion

in einem neuen Handlungskonzept im Rahmen des Hilfeplanverfahrens adäquate Berücksichtigung finden.“

Dabei wird angenommen, dass „das Konzept der Funktionalen Gesundheit eine optimale Grundlage für die Entwicklung eines Handlungskonzepts für den Wohnbereich der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal darstellt.“

Zahlreiche Veranstaltungen folgten, Arbeitsgruppen wurden gebildet, Teilaspekte der Funktionalen Gesundheit identifiziert und ausgearbeitet. Andrea Braun sagte mit Blick auf den zweiten Teil der Tagung: „Auf dem Markt der Möglichkeiten schauen wir zurück, was bisher passiert ist und im World Café, eine auf Dialog ausgerichtete Arbeitsmethode, blicken wir nach vorne. Wir wollen gemeinsam das Thema der Tagung mit Leben füllen. Ich wünsche mir, dass wir erste Leuchtpunkte setzen, die in die Zukunft weisen.“

EcoMap, Kiezkarten, Ressourcencheck, BarriereCheck, Zielentwicklung, Mitarbeitendensituation 2030, Transparente Kommunikation, Partizipation sind  Überschriften der Marktstände, um die sich   Trauben bildeten.

Expertinnen und Experten in eigener Sache waren Partner intensive Gespräche und Nachfragen. Besonders beeindruckend waren die Statements der Leistungsberechtigten. Sie zeigten ihre Sicht der Dinge auf. “Das ist ein Novum, dass wir in dieser Zusammensetzung Themen der Eingliederungshilfe erarbeiten. Ich hoffe, dass dies bald eine Selbstverständlichkeit ist,” gibt sich Andrea Braun zuversichtlich.

Im Rahmen des WorldCafé wurden die Projekte kritisch hinterfragt und dadurch für die weitere Bearbeitung im gesamten Verbund weiterentwickelt.

Eco Maps_K

So ist geplant, die Leistungsberechtigten selbst für die Arbeit mit den ECOmaps zu qualifizierung. Dadurch entsteht eine Nachhaltigkeit und unmittelbare Wirkung bei den Menschen, um die es eigentlich geht. Partizipation braucht Empowerment – Das betrifft nicht nur die Lesitungsberechtigten, sondern auch Mitarbeitenden.

Ein zentrales Element an den unterschiedlichen Tische ist die UnternehmensKULTUR und die WERTSCHÄTZUNG im Unternehmen. Dabei sollen in Zukunft die Projektthemen im Rahmen von InFunGes mit der Frage der Führungskultur in Verbindung gebracht werden.

Quintessenz für viele Teilnehmende an der Fachtagung ist gewesen, Funktionale Gesundheit nicht als ein Standardkonzept zu verstehen, dass abgearbeitet werden kann, sondern als Leitidee mit der Maßgabe, bei sich selbst anzufangen. Dafür wird jedoch noch viel Wissen über Methoden, die Veränderungen ermöglichen, gebraucht.

Das Konzept hat auch klare Grenzen – insbesondere,wenn die Rahmenbedingungen für die Eingliederungshilfe nicht ebenfalls konsequent für die Leistungsberechtigten optimiert werden. Neben dieser Feststellung ist auch klar geworden, dass durch vielfältige Aktivitäten, wie in den dargestellten Projekten – die Grenzen durchaus zu verschieben sind.

Hier kann die HtSL die Umwelt durch Einbindung der Projekte in bspw. das Hilfeplanverfahren aktiv beeinflussen. Offen bleibt, was noch vom Kostenträger akzeptiert wird. 

Zitate der Tagung:

Wertschätzung

  • „Sie ist echt schlau!“ – Oh, schade, dass ich nicht mit Ihnen zusammenarbeite!“ – Ne, ne… ich arbeite inner Werkstatt… ich bin kein Betreuer!“
  • „Hallo (!) Betreuer sind och nur Menschen!“

Transparenz

  • „Es gibt Dinge, die ich gut aber auch schlecht finde. Ich will auch nicht nur Gute Dinge erleben… aber ich muss mich positionieren können, also von den Dingen wissen!“

Strukturen

  • „Hierarchie hat eine Funktion – aber sie muss sinvoll genutzt werden!“
  • „Auch wir Mitarbeitende selbst haben mit Hospitalismus zu kämpfen!“
  • „Fürsorge und Willensorientierung – es bleibt ein Spagat!“

Ein weiter Weg wurde schon zurück gelegt, das zeigten die Marktstände. Ein langer Weg liegt noch vor uns, das war ein Ergebnis des Worldcafés. Doch viel wichtiger war dabei der Austausch und die feste Überzeugung: “Wir werden diesen Weg gehen, Schritt für Schritt, weil es sich lohnt.

Ergebn. Präsent_K


Kontakt und Information

Arvids Schaub
Bereichsleiter Eingliederungs­hilfe

Tel.: 03338-66-290
Fax: 03338-66279

Bodelschwinghstr. 27
16321 Bernau OT Lobetal

Andrea Braun
Vermittlung von Angeboten und Beratung

Tel.: 03338-66-386
Fax: 03338-66-387

Mühlenstr. 20-26
16321 Bernau